Hand in Hand zur High-Tech-Industrie

Artikel der Stuttgarter Nachrichten vom 05.05.2017

Die Wirtschaft steht vor einem der größten Umbrüche ihrer Geschichte. Damit Schulen damit Schritt halten können, arbeiten sie mit Unternehmen zusammen. Wenn dies gelingt, können drei Seiten davon profitieren.


Von Phillip Weingand


 

Backnang - Leises Surren tönt durch die Aula der Gewerblichen Schule Backnang (GSBK). Rund 200 Köpfe drehen sich um zu Bito. Der Roboter fährt am Pu­blikum vorbei, in einer Linie auf dem Boden entlang. Er piept, macht eine Kurve – und bleibt vor einer stolzen Schülergruppe stehen. Bito ist ein fahrerloses Transportsystem (FTS) – und soll Kugelschreiber von A nach B zu bringen. Und zwar nicht irgendwelche: Angehende staatlich geprüfte Techniker haben zwei unterschiedliche Modelle entwickelt und gefertigt. Man kann mit diesen Stiften sowohl auf Papier als auch auf Smart-Geräten schreiben. Im Alugehäuse des einen Modells schlummert ein USB-Stick. Sogar in die Luft gehen kann der Stift – wenn auch nicht wie die James-Bond-Geheimwaffe aus „Goldeneye“, sondern per Magnetschwebeteller in einer Vitrine. Auch Letztere haben die Schüler entwickelt.

Das Produkt der Industrie 4.0 ist individualisierbar

Die Wirtschaft steht vor gewaltigen Umbrüchen. Schritt zu halten ist besonders für gewerbliche Schulen eine große Aufgabe. Deshalb gehen immer mehr Schulen Partnerschaften mit Firmen ein. Eine besondere Rolle spielen solche Kooperationen an der GSBK, deren Leiterin Isolde Fleuchaus sich erinnert: „Ich hatte eine Klasse gefragt, was die Schüler werden wollen. Nur drei, vier Hände gingen nach oben, und ich dachte mir, das kann nicht sein, wir sind eine berufliche Schule.“ Diese Tage sind gezählt, auch dank der 31 Bildungspartnerschaften, die seit 2011 entstanden sind.

Bei der Präsentation der Smart-Kugelschreiber sitzt Volker Sieber im Publikum. Der Ingenieur leitet die Entwicklung beim Remshaldener Maschinenbauer Schnaithmann. Die Firma, die auch beim Kugelschreiber-Projekt kräftig mitgemischt hat, ist seit drei Jahren offizieller Bildungspartner. Sie gibt Schülern Einblicke in den Arbeitsalltag, steuert Sachspenden und Know-how bei – und profitiert von Ergebnissen der Abschlussarbeiten, die in ihrem Auftrag angefertigt werden. „Eine Win-win-Situation für uns“, findet Sieber.

Eine Parabolantenne für nur 30 Euro

Auf der Liste der Partner stehen Namen wie Bosch, Riva Engineering, Murrplastik, Rewe, aber auch kleinere Betriebe und Innungen. Die Möglichkeiten der Zusammenarbeit sind vielfältig: von Besuchen im Betrieb über die Zusage, Praktikanten aufzunehmen, bis hin zum Bewerbertraining. An der gewerblichen Schule sind so beeindruckende Projekte entstanden: Die Firma Kärcher zeigte Schülern, wie Denkmäler wieder in einen ansehnlichen Zustand versetzt werden. Für den Metallverarbeiter Höfliger konstruierten Schüler ein Lehrmodell, an dem Azubis ihre Handgriffe üben können. Bei Tesat Spacecom bauten Schüler mit einem Budget von 30 Euro eine Parabolantenne, die das Signal eines Satelliten empfangen kann.

„Dass große Firmen größere Projekte stemmen können, ist klar“, sagt Jennifer Bitter, die bei der IHK Rems-Murr die Bildungspartnerschaften betreut. Aber auch kleine Betriebe könnten Angebote machen. Eine Partnerschaft soll allerdings mehr sein als das reine Durchschleusen von Praktikanten: Die Pflichten beider Partner werden schriftlich festgehalten. Dabei gelte es aber, die nötige Distanz zu den Unternehmen zu wahren, betont Isolde Fleuchaus: „Einseitige Werbung durch Geldhäuser wollen wir zum Beispiel nicht.“

Wer profitiert von den Bildungspartnerschaften?

Von einer gelungenen Partnerschaft profitieren drei Seiten: Die Firma kann früh potenzielle Fachkräfte ausmachen. Der Schüler kann erkunden, ob er sich eine Zukunft in der Branche vorstellen kann. Zum Beispiel am Technischen Gymnasium, der Technikerschule und auch im AV-Dual-Zug, dessen Schüler es bei der Lehrstellensuche ansonsten oft schwer haben, können Schüler Ausbildungsbetriebe finden. Dabei hilft eine Woche der Bildungspartner. „Die Schüler können dort ihre Persönlichkeit zeigen, auch abseits ihrer Noten“, sagt Rainer Bay von der GSBK. Die Schulen können sich damit brüsten, ihre Absolventen in ein Arbeitsverhältnis vermittelt zu haben – und die Lehrer bleiben durch die Nähe zur Wirtschaft auf dem Stand der Technik. Rainer Bay meint: „Das ist wichtig, schließlich müssen wir den Schülern eine hochkomplexe Materie darstellen können.“

 

 

Ein echter Hingucker: Ein Roboter bringt Bauteile in den neuen Showroom der Gewerblichen Schule Backnang. Foto: Gottfried Stoppel

Industrie 4.0:

Der Begriff bezeichnet die Verbindung von industrieller Produktion mit moderner Informationstechnik. Er stellt die zweite Stufe der Digitalisierung, der dritten industriellen Revolution, dar. Beim Kuli der Schüler macht es ein Chip möglich zu überprüfen, ob die Stifte in den gewünschten Farben beschichtet und mit den richtigen Gravuren versehen werden.

Bildungspartnerschaften:

Die knapp 1700 allgemeinbildenden weiterführenden Schulen in Baden-Württemberg haben mit 3800 Firmen Kooperationen vereinbart. Die Schulen im Rems-Murr-Kreis spielen dabei vorne mit: Über die Industrie- und Handelskammer (IHK) sind im Kreis nahezu 190 Partnerschaften mit 58 Schulen geschlossen worden. Hinzu kommen solche, die ohne Unterstützung der IHK entstanden sind.

Showroom:

Ein neuer Showroom soll an der Gewerblichen Schule Backnang zeigen, was in einer modernen Produktion möglich ist. Laut dem Plan werden bereits Anfang nächsten Jahres die ersten Module unterrichtet – unter anderem soll die Fertigung des Hightechkulis gezeigt werden.

 

 

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